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Bernhard Sommergruber - Psychotherapeut - 1010 Wien - Seitenstettengasse 5


Sexueller Mißbrauch -

Buben als Opfer - Erster Versuch das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.


Buben als Opfer von sexuellem Mißbrauch


Erwachsenes und Kindliches

oder:

Viele Statistiken und eine Kindergeschichte


 

Vortrag gehalten bei der Tagung

"Sexuelle Kindesmißhandlung - Buben als Opfer"

11./12.9.2000, Wien.

 

Die Publikation der ganzen Tagung können Sie kostenlos bestellen: Kammer für Arbeiter und Angestellte, Abteilung für Sozialwissenschaft, Prinz Eugen-Straße, A-1040 Wien - +43/1/501 65/26 85 oder 22 43 

 


Joachim Ringelnatz

 

Kinder, ihr müßt euch mehr zutrauen!

 

Kinder, ihr müsst euch mehr zutrauen!

Ihr laßt euch von Erwachsenen belügen

und schlagen. Denkt mal: fünf Kinder genügen,

um eine Großmama zu verhauen.


1. Einleitung

2. Zahlen

3. Aussagen von Betroffenen

4. Eine (Kinder-)Geschichte

 

1. Einleitung

Unsere Tagung "Sexuelle Kindesmisshandlung - Buben als Betroffene" müsste umgeplant werden: Das Thema müsste zu einigen Themen werden und aus zwei Tagen müssten wir viele Wochen machen, z.B.:

Sexualität (inkludiert müsste auch das Thema sein: Wie gehen wir HelferInnen mit unserer eigenen Sexualität um?!)

Kind (Kindheit, Familie, Gesellschaft, Kulturkreis....)

Kindesmisshandlung

Geschlechter

Bei einer qualifizierten Auseinandersetzung müssten wir uns da schon einige Wochen zusammensetzen.

Wenn ich von 150 TagungsteilnehmerInnen ausgehe: Stellen Sie sich vor: 150x Sexualität, 150x Kindheit, 150x Gewalterfahrung, vielleicht 61x Sexuelle Gewalt erlitten. - Aber: Nur 2 Geschlechter. Und bei dem Thema "Geschlechter", schätze ich die Möglichkeit schon als sehr groß ein, dass wir uns binnen kurzer Zeit "in die Haare kriegen".

Fazit:

Wir haben uns ein sehr schwieriges Thema vorgenommen.

Es ist unmöglich es umfassend genug zu behandeln.

2. Zahlen

Die folgenden Zahlen belegen uns, dass unser Thema ein Thema ist. Die Zahlen belegen, dass es kein Randthema ist. Die Zahlen belegen, dass wir = die Gesellschaft als auch die Fachleute diese Thematik lange Zeit unterschätzt haben. Mögliche Gründe dafür: Wir Männer sind stark. Wir Frauen sind die Opfer. Einem Buben, dem das passiert, ist homosexuell. Homosexualität ist eine Schande, wenn nicht gar eine Krankheit. Gefühle sind etwas für das weibliche Geschlecht. Gefühle in der (Halb-) Öffentlichkeit zu zeigen, ist schon gar nichts für Männer. Gefühlvolle Männer sind unzuverlässig à Denn: sie wissen nicht was sie tun!

 

2.1. Opferstatistik 1999 des Österr. Bundesministeriums für Inneres

Zu beachten: Hier handelt es sich um die Kriminalstatistik. Folglich findet sich hier nur ein sehr geringer Prozentsatz der Opfer - weiblich wie männlich - wieder.

BEISCHLAF UND UNZUCHT MIT UNMÜNDIGEN

0-6a83 w21 m20,19% m
6-10a135 w49 m26,63% m
10-14a339 w82 m19,47% m
DURCHSCHNITT  21,43% m

w : m = 4 : 1

Österr. BM für Inneres, Opferstatistik 1999

 

2.2. Studien: Häufigkeit sexueller Missbrauch an Jungen

Die folgenden Zahlen haben eine sehr beachtliche Schwankungsbreite.

Wenn wir nur jene Studien beachten, die eine allgemeine Population untersuchten, finden wir eine Schwankungsbreite zwischen 2,8 und 32%.

Die Tabellen sind eine Auflistung veröffentlichter Studien. Die Studien sind natürlich unterschiedlicher Qualität. Ich bin weder der Fachmann für Statistik, noch haben wir hier die Zeit um auf wichtige Kriterien für statistische Umfragen einzugehen. Nur soviel: Es scheint logisch, dass wir verschiedene Ergebnisse erhalten, wenn in einer Studie gefragt wird "Sind Sie in Ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden?" und in der nächsten "Hat Sie in ihrer Kindheit jemand sexuell berührt, obwohl Sie es nicht wollten?" Ebenso wird ein Unterschied bestehen, ob wir nur Taxilenker befragen oder nur Studenten; ob wir nur eine Frage nach dem sexuellen Missbrauch stellen oder mehrere Fragen. Und es spielt eine große Rolle, wie wir "Sexuellen Missbrauch" definieren. Es gibt nicht eine Definition. Es gibt Fachleute, die bezeichnen "Sexuellen Missbrauch", der ohne Körperkontakt stattfindet, nicht als solchen.

à Wie mag es wohl einem oder einer Betroffenen gehen? Er oder sie wird oder wurde ohne Körperkontakt sexuell missbraucht und eine Fachkraft bezeichnet dies nicht als solches. Wieder ein Argument mehr, in der eigenen Höhle zu bleiben. Wieder ein Beweis, das einem nicht geglaubt wird.

 

2.2.1. Sexuelle Gewalt an Buben

Allgemeine Population

 

%

N

Vpn

AutorInnen

2,8

357

Tel.

Murphy, 1987

3

461

Führerschein-Besitzer

Kercher, McShane, 1984

3

197

Junge Erwachsene

Ernst et al. 1993

3

954

w+m

PatientInnen Krankenhaus

Belkin, Greene, Rodrique, Boggs, 1994

 

3

1.480

Haushalte in L.A.

Siegel et al.1987

3-7

3.666

Schüler 9. Kl.

Sariola, Uutela (SF) 1994

3,5

486

Studenten

Bendixen et al.1994

4,8

412

Studenten

Fritz, Stoll, Wagner 1987

4-9

1.604

Bevölkerung

Wetzels (D) 1994

6

187

Eltern

Finkelhor 1984

6,3

412

Berufsschüler

Raupp, Eggers (D) 1993

7

557

Studenten u. Berufsschüler

Elliger, Schötensack (D),1991

7

17j. Schüler

Edgardh (S), 1992

7

Studenten

Murphy, 1989

7

Bevölkerung

Leth (DK), 1988

7,3

2.972

Studenten

Risin, Koss, 1987

8

343

Studenten

Bange, 1992

8

970

>15a

Baker, Duncan (GB)1985

8,2

935

<18a

Bagley (CDN)1989

8,3

266

Studenten

Finkelhor, 1979

9

412

Studenten

Fritz et al. 1981

9

388

Studenten

Goldman, Goldman, 1988

11

777

Murphy, Keating, 1990

11

PatientInnen

Krankenhaus

Ellerstein,Canavan, 1980

11

391

Studenten

Lazartigues et al. (F) 1989

12

Tel.

Pierce, Pierce, 1985

12,2

Stein et al. 1988

12,8

263

Studenten

Krugman, 1992

11-17

Nachprüfung Studien

DeJong, Emmett, Hervada 1982

14

255

Mitarbeiter. sozialer Einrichtungen

BMFuS, 1993

14

Studenten

Violato, Genuis (CDN) 1992

>14

Patienten Krankenhaus

DeJong, Emmett, Hervada 1982

15

904

>18a, Bevölkerung Spaniens

Lopez et al.1995

15,5

750

Erwachsene

Bagley, Wood, Young 1994

16

173

Studenten

Boudewyn, Liem, 1995

16

Studenten

Condey et al.1987

16

1.145

>18a / Tel.

Finkelhor et al.1990

16

Cameraon et al.

16,4

1.492

Männer aus Berlin

Kloiber (D) 1994

23

100

psychiatr. Pat.

Metcalfe 1990

4/20/24 *

Schüler

Frohmuth, Burkhart 1987

25

Krankenhaus

Rogers, Terry, 1984

> 25

Lisak, Luster, 1994/96

Lisak, Hopper, Song

29

284

Studenten

Collings 1995

30

460

Studenten

Landis 1957

32

Studenten

Urquiza 1988

*unterschiedliche Angaben in der Literatur: 20-24% (in 2 Schulen) sowie 4-24%

 

 

2.2.2. Buben als Opfer sexuellen Mißbrauchs

Kinder/Jugendliche mit "besonderen Problemen"

 

%

n

Vpn.

AutorInnen, Jahr

11

1.227

Jugendl. In statl. Drogentherapie

Harrison, 1990

31

81

Alkohol- u. Drogenabh. Jugendliche

Rohsenow et al.1988

32

89

Ausreißer

Janus et al.1987

44

79

Prostituierte (12-18a)

Weisberg 1985

49

47

sex. auffällige u. aggressive Kinder/Jugendl. in amb. Beh.

Johnson, 1988

54

60

sex. aggressive Kinder

Bagley, Shewchuk-Dann, 1991

70

13

sex. Aggressive Kinder

Friedrich, Luecke, 1988

84

28

Prostituierte (14-25a)

Janus et al., 1988

 

2.2.3. Buben als Opfer Sexuellen Missbrauchs

Jugendliche Sexualstraftäter

 

    

17

14

jugendliche "Vergewaltiger"

Ford, Linney, 1995

18

297

jugendl. Sexualstraftäter in psychiatr. Beh.

Fehrenbach et al.1986

19

139

jugendl. Missbraucher in Begutachtung

Becker 1988

21

246

jugendl. Sexual-

straftäter

Becker et al.1991

23

160

jugendl. Sexual-

straftäter

Becker, Stein 1991

24

29

jugendl. Sexualstraftäter (mit Mädchen als Opfer)

Worling 1995

26

29

jugendl. Sexualstraftäter

Awad, Saunders 1989

34,2

330

jugendl. Sexualstraftäter

Cooper et al.1996

52

21

jugendl. "Kindesmissbraucher"

Ford, Linney, 1995

61

31

jugendl. "Kindesmissbraucher"

Katz, 1990

66

32

jugendl. Sexualstraftäter (Geschwister als Opfer)

Worling, 1995

74

19

jugendl. Sexualstraftäter (mit Mdchen u. Buben als Opfer)

Worling, 1995

75

12

jugendl. Sexualstraftäter (mit Jungen als Opfer)

Worling, 1995

 

2.2.4. Buben als Opfer Sexuellen Mißbrauchs

Erwachsene Sexualstraftäter

%

N

Vpn.

AutorInnen, Jahr

20

154

erw. intrafamiliäre "Kindes-

Mißbraucher"

Faller, 1989

20

(31)

348

erw. inhaftierte "Vergewaltiger" u. "Kindes-

missbraucher"

Groth, 1979

24,5

74

erw. intra-

familiäre "Kindes-

missbraucher"

Hanson et al.1994

36

79

erw. inhaft.

"Kindesmiss-

braucher"

Pothast, Allen, 1994

37

*

92

erw. inhaftierte "Kindesmiss-braucher"

Condy et al.1987

37

erw. inhaftierte Sexualstraftäter: "Vergewaltiger"

Seghorn et al.

50

16

Sexualstraftäter "Kindesmiss-

braucher"

Dhawan, Marshall, 1996

53

erw. inhaft. Sexualstraftäter: "Vergewaltiger"

Seghorn et. al. 1987

57

65

"Vergewaltiger"

Condy et al.1987

59*

83

erw. "Vergewaltiger"

Petrovich, Templer 1984

62

29

"Vergewaltiger"

Dhawan, Marshall 1996

76

41

erw. inhaftierte "Serien-Vergewaltiger"

Burgess et al.1988

93

84

erw. inhaftierte "Sexualstraftäter"

Briggs, Hawkins, 1996

* nur nach Sexuellen Missbrauch durch Frauen gefragt

 

 

2.2.5. Buben als Opfer Sexuellen Missbrauchs

Erwachsene Nicht-Sexualstraftäter

 

%

n

Vpn.

AutorInnen, Jahr

20

20

Erwachs. nichtsexuelle Straftäter

Dhawan, Marshall, 1996

46

Gefangene

Condy et al. 1987

 

 

2.2.6. Mißbrauch innerhalb / außerhalb der Familie

 Jugendliche, die ihre Geschwister missbraucht hatten à

66% selbst von Missbrauch betroffen

 

Jugendliche, die andere, nicht zur Familie gehörende Kinder, missbraucht hatten à

36% selbst von Missbrauch betroffen

Worling (1995b)

 

 

2.2.7. Geschlecht und unerwünschte sexuelle Berührungen

 

2.2.7.1.Kanadische Studie

1984

Canadian Federal government

Study "Offenses Against Children" (Badgley-Report)

33% der Buben/Männer

50% der Mädchen/Frauen

sind Opfer von unerwünschten sexuellen Berührungen

4/5 davon in Kindheit/Jugendzeit

 

2.2.7.2.Kanadische Studie

1984

Canadian Federal government

Study "Offenses Against Children" (Badgley-Report)

sexual assault (sexuelle An-/Übergriffe)

Geschlechterverhältnis der Opfer

3:1 (w:m)

 

2.2.8. Opfer-TäterInnen-Beziehung

(AM aus 23 Studien)

Fremde 12 %

dem Opfer bekannte Personen 88 %

Personen außerhalb der Familie 58,58 %

Familienangehörige 49,48 %

Die zweite Summe ist höher als 100%, da anscheinend manche Buben sowohl von Familienangehörigen als auch von Personen außerhalb der Familie sexuell mißbraucht werden.

 

Intrafamiliär (100%)

%

 

Vater

36,41 %

(0 – 58,49 %)

Stiefvater

25,52 %

(0 – 46,66 %)

Cousin

21,65 %

(4 Studien.: 6,81 – 12 %)

Onkel

16,72 %

(4,54 – 23,41 %)

Bruder

12,83 %

(3 Studien: 0 – 23,41 %)

Mutter

6,86 %

(0 – 22,44 %)

Stiefmutter

3,92 %

2 Studien: 3,63-4,21 %)

 

Personen außerhalb der Familie:

Babysitter, Priester, LehrerInnen, Erzieher, Freund der Mutter, Autoritätspersonen, Nachbar

 

 

2.2.9. Geschlecht der TäterInnen (AM)

 männlich: 65 % ?? (16-93%)

 weiblich: 35 % ?? (7-78%)

 12 Studien 1979-1994

 

 

2.3. Zusammenfassung

Aus dem obigen Zahlenmaterial läßt sich lesen, daß

  • männliche Prostituierte in ihrer Kindheit/Jugendzeit in höherem Maß Opfer von sexueller Gewalt waren als Nicht-Prostituierte
  • sexuell agressive Kinder ebenso in deutlich höherem Ausmaß Opfer von sexueller Gewalt sind oder waren
  • erwachsene Nicht-Sexualstraftäter anscheinend nicht signifikant weniger in ihrer Kindheit/Jugendzeit von Sexueller Gewalt betroffen waren als erwachsene Sexualstraftäter
  • im Gegensatz zu den Mädchen die Buben wesentlich häufiger durch Personen außerhalb der Familie sexuell mißbraucht werden
  • Mädchen 3-4x so häufig Sexuelle Gewalt erleiden als Buben

 

3. Aussagen von Betroffenen

Als wir bei der Vorbereitung zur Tagung ein paar Aussagen von Betroffenen auswählten um diese bei der Tagung zu plakatieren, bemerkte eine Kollegin, daß da Aussagen drinnen waren, die man so nicht aufhängen solle, denn sie könnten mißverstanden werden. Es sei nicht klar, daß es eine Provokation sei.

So eine Aussage war z.B.:

Ein Junge, der sich mit einem Mann "einläßt", neigt ja sowieso "dazu".

Ich gebe meiner Verwunderung Ausdruck und erlaube mir die ? Naivität, dass unter uns Fachleuten es natürlich klar ist, dass ein sexuell Missbrauchter Junge nicht sowieso "dazu" neigt.

 

Aussagen von Betroffenen, die zum Teil (typischerweise?) zynisch formuliert sind:

Männer die Gefühle öffentlich ausdrücken sind schwach und unzuverlässig.

...dass einem Jungen das nicht passiert, dass ein Junge stark sein muss, dass ein Junge nicht weint...

Die Frauenbewegung hat viel erreicht. Ich bin froh darüber. Die Jungen wurden dabei nur leider vergessen...

...dieses ständige Auf und Ab und die Selbstzweifel... Das ist sehr belastend und nervt mich so sehr, dass ich schon wieder dabei bin mich einfach zurückzuziehen...

Ich weiß nicht, ob ich nun eine Bindung zu Frauen oder eher eine zu Männern suchen soll.

Ein Junge, der sich mit einem Mann "einläßt", neigt ja sowieso "dazu".

Frauen können Jungen nicht dazu zwingen. Die Tatsache, dass Jungen es körperlich "ermöglichen", zeigt ja wohl offensichtlich, dass sie es auch wollen.

Sex mit einer Frau kann für einen Jungen keine Gewalt sein.

Ich will zu nichts gezwungen werden.

Ein Bub kann nur von einem Mann sexuell missbraucht werden.

Nur Männer sind Täter.

 

An PsychotherapeutInnen u.a. Fachleute:

Die haarspalterische Diskussion über die Definition von Missbrauch machen mich richtig wütend.

Ich will als Überlebender nicht als potentieller Täter gesehen oder gar behandelt werden.

Was ich wichtig finde, ist das Ansprechen von Homosexualität, und natürlich das neutrale Ansprechen. Die Ängste, die viele Jungen haben, weil sie denken, sie wären schwul, weil sie missbraucht wurden. Eine Angst, die eben auch mit daher kommt, dass bei vielen Homosexualität als Makel oder Krankheit angesehen wird.

Wenn man die Jungs ernst nimmt und ihnen beweist, dass sie einem vertrauen können, dann werden sie auch zu reden anfangen, erst langsam und mit wenigen Worten.

Sehr klares Einhalten von Vereinbarungen.

Absolutes Einhalten von Grenzen.

Kein unprofessionelles Mitleid.

Überweisung an einen Fachmann/frau, wenn sich PsychotherapeutIn nicht auskennt.

Klar zu mir halten.

 

4. Eine Geschichte

Erinnern Sie sich als Ihnen jemand als Kind Geschichten erzählt hat. Sie haben sich am Sessel zurückgelehnt oder bei der vorlesenden Person angeschmiegt, Ohren und Augen - und Herz waren weit offen. Und es war immer wieder spannend. Und es war immer wieder schön. Manchmal waren die Geschichten schön, obwohl Sie durch manche Grausamkeit in der Geschichte immer wieder aus ihrem ruhigen Dasitzen gerissen wurden. Aber das machte nichts. Das gehörte auch zu mancher Geschichte.

In der Folge hören Sie zum Teil Worte, die durch Psychotherapien sowie Beratungen mit männlichen Betroffenen entstanden sind. Der Sinn und teilweise die Worte stammen von Betroffenen.

Einem Bären tut etwas weh

oder: Ein Bär und sein Umgang mit seiner Verwundbarkeit

Der Bär lebte schon einige Zeit. Aber er lebte noch nicht so lange, dass er ganz allein leben konnte. Ihm ist sehr weh getan worden. Aber vielleicht gehört das halt zum Großwerden dazu. Auch das. Schließlich durfte er lange genug im Honigwald spielen und Erfahrungen sammeln. Er jagte mit seinen Tatzen die Ameisen, sah den Vögeln nach und sprach mit dem Elefanten. Und vieles mehr.

Und so viel Zeit war vergangen. Schon so viel Zeit.

Er war auf dem Weg zu einer Bärin. Als sie nun um einen Honigtopf saßen, drohte sie ihm mit einem Ku. Das heißt: Sie war im Begriff ihm einen solchen zu geben.

Er rannte bergauf und bergab. Er rannte. Obwohl im Honigtopf noch so viel drinnen war. Er rannte. Gehetzt blieb er stehen. Er lehnte sich an einen Baum. Er schnaufte. Er schnaufte nur mehr. Er bestand nur mehr aus dem gehetzten Schnaufen. Der Bär sackte zusammen. Er umklammerte den Baumstamm und weinte. - Und er wusste nicht warum.

Er ließ die Zeit vergehen. Und die Zeit verging.

Der Bär saß nur mehr da. Der Baumstamm. Und er. Und? Er wusste es selbst nicht. Er wusste nicht, was war. Er getraute sich kaum zu denken. Es war nur alles sehr unheimlich in ihm. Er schlug mit einer Tatze mittelkräftig an den Baumstamm. Er schaute seine Tatze an und flüsterte in sich: "Wenn du hingehauen hast, dann muss was da sein. Dann bist du auf etwas wütend."

Dieser Satz reichte dem Bären. Er war froh, dass er nicht mehr nur aufgelöst war. Es war etwas da: Seine Tatze und ein vorsichtiger Satz von Wut.

Er war nicht zufrieden. Aber er war zufrieden, dass etwas außer Nichts da war. So konnte er wieder gehen.

Im Gehen hielt er verstohlen in alle Richtungen Ausschau. Und mit den Metern getraute er sich an die Drohung zu denken. Die Bärin wollte ihn küssen. Nein, sie sprach nicht irgendwie über irgendeinen Kuß. Sie neigte sich zu ihm und wollte... Er ging wieder schneller und war schon im Begriff wieder zu laufen. Da hörte er ein Poltern. Er blieb stehen. Und hörte. Und schaute. Aus der Ferne sah er den Elefanten daher schlendern. Irgendetwas ließ ihn zu ihm rennen. - Und irgendetwas ließ ihn erstarren. - So blieb er stehen. Und er brauchte diese ziemlich lange Zeit. Er brauchte diese ziemlich lange Zeit, die der Elefant brauchte, um zu ihm zu kommen. Er brauchte diese Zeit um seine Fassung wieder zu bekommen.

Der Bär streckte seine Tatze vorsichtig aus und strich dem Elefanten über den Fuß. Der Elefant strich vorsichtig mit dem vordersten Vorderteil seines Fußes über den Arm des Bären. Das war so weit gut. Das war eine Zeremonie. Das war eine Zeremonie, die sie in der Zwischenzeit lange pflegten. Und es hatte lange gedauert bis zu dieser Zeit, zu dieser Zeremonie gekommen waren.

Der Bär merkte sofort, dass der Elefant heute anders war. Nein, noch einmal anders war es: Der Elefant merkte sofort, dass der Bär heute besonders anders war. Jetzt kannten sie sich schon so viele Honigtöpfe und Schlammpackungen lang, aber heute war er ganz anders. Der Elefant wusste sofort, dass es keinen Sinn hätte sofort zu fragen. Würde er das tun, wäre der Bär sofort wieder weg. So bot er dem Bären einen Platz hinter einem schönen, großen Baum an und ebenso, dass er ihm eine Geschichte erzählen würde. Langsam sich setzend und langsam den Kopf nickend, nahm der Bär beide Angebote an. Der Elefant begann zu erzählen.

Es war einmal eine Grille und noch eine Grille. Sie hieß Pautz und er hieß Zirp.

Zirp war wegen irgendetwas irgendwie sehr zerstört. Es fehlte ihm kein Fuß. Nichts. Und doch fehlte ihm etwas. Er war einer anderen Grille begegnet. Er kannte diese Grille. Und er mochte diese Grille irgendwie. Und er mochte diese Grille irgendwie ganz gern. Ziemlich sehr gern sogar. Zirp hatte auch manchmal ganz schöne Träume mit Pautz. Aber in den Träumen war eben Pautz da - und doch nicht da. Aber jetzt war Pautz dagewesen und hatte ihm einen Kuß angedroht.

Zirp war davon so erschrocken, dass er weder rückwärts hüpfen - was sonst seine Lieblingsbeschäftigung war, noch sozusagen ordnungsgemäß nach vorne sich bewegen konnte.

Er stand immer wackeliger und plötzlich schaffte er doch noch schnell wegzuhüpfen.

Und so wenig er im Laufen noch denken konnte, verwünschte er den Tag und die Nacht. Er verwünschte die Nacht, in der er über Pautz geträumt hatte. Und er verfluchte den Tag, an dem er zum ersten Mal Pautz in die Augen geschaut und sich etwas dabei gedacht hatte.

Als Zirp seinem Freund Blitz begegnete, erklärte er diesem, dass alles in Ordnung sei, er wäre bloß ein wenig zu schnell weitgehüpft und deswegen etwas gehetzt und blaß im Gesicht. Blitz kannte Zirp schon lange. Also schüttelte er bloß den Kopf und sagte fast schon ein wenig streng: "Runter mit dem Stolz. Sag mir doch lieber, was los ist." Zirp dachte nach. Er dachte lange nach. Schließlich kam auch etwas heraus: "Weißt Du, Du bist ja der gescheite Blitz. Ich habe gerade Pautz getroffen. Die hat so blöd dahergequasselt, dass mir schlecht geworden ist. Und ich wollte ihr nicht sagen, wie blöd sie ist. Deswegen bin ich lieber schnell weggerannt. Ich wollte ihr halt nicht weh tun."

Blitz kratzte sich ziemlich heftig. Er brauchte sich bloß noch zu räuspern und Zirp wusste, dass ihm sein Freund kein Wort glaubte. Es war ihm schon sehr zuwider, dass sein Freund sich kratzte und räusperte. Aber er wusste, dass kein Aber half. Und momentan wusste er ja wirklich selber nicht, was ihm noch helfen konnte.

So erzählte Zirp, dass er Pautz getroffen hätte. "Du weißt eh, die abends immer so besonders schön zirpt. Aber jetzt hat sie mich versucht zu küssen. Und so weit geht meine Bewunderung auch nicht. Man muss sich ja schließlich nicht alles gefallen lassen. Anscheinend hat dieser kleine Grillenverband recht, der fordert, dass auch Männer sich nicht alles von den Frauen gefallen lassen sollen."

Er machte eine Pause. Er machte eine lange Pause.

Dann fügte er noch hinzu: "Aber die braucht sich bloß nichts einbilden!"

Und schon wieder kratzte und räusperte sich Blitz. Zirp dachte nach. Er dachte viel nach. Aber er schwieg. Und er schwieg eisern.

Blitz erbarmte sich, strich Zirp vorsichtig und freundschaftlich über sein Haupt. Und Blitz seufzte. Schließlich sagte Blitz: "Ich will Dir was verraten. Ich bin zuerst am Übergroßgrashalm gesessen. Und da habe ich alles beobachtet. Ich habe Dich und Pautz gesehen. - Ich weiß, Du bist davon gelaufen. Du brauchst Dich nicht zu schämen - auch wenn Du Dich natürlich schämst." Dann schwieg Blitz und schaute Zirp nur ganz lieb an, dann kauten sie beide an den Gräsern und schwiegen ganz lange. Später erzählte Zirp seinem Freund, warum er davongelaufen war - auch wenn er sich noch immer schämte. Aber er erzählte trotzdem.

Zum Zeichen, daß die Geschichte nun aus war, neigte der Elefant sein Haupt. Der Bär saß scheinbar regungslos noch immer unter dem Baum.

Der Bär spürte, wie er sich bis über beide Ohren schämte. Zuerst hielt er sich ganz steif. Bald aber schon seufzte er. Es war ihm heuleelend zumute. Aber ein klein wenig war ihm auch zum Lachen, da sein Freund, der Elefant, ihn so gut kannte. Das war zwar nicht immer angenehm. Aber es hatte - mit der Zeit - den Vorteil, dass seine Wunden geleckt wurden.

Der Bär sagte zum Elefanten: "Warum hast Du mir nicht gleich gesagt, dass Du mich und die Bärin bei der Beinahe-Kuss-Geschichte beobachtet hast?" Der Elefant antwortete grinsend: "Du wärst mir vor lauter Angst wahrscheinlich davongelaufen."

Bär und Elefant gingen ganz langsam nebeneinander her. Und am nächsten Tag sah man die beiden ganz viel gemeinsam plaudern.

Jede/r von Ihnen wird einen individuellen Schluss (Sinn) aus dieser Geschichte ziehen.

Mir persönlich ist als Grundsatz wichtig, auch bei unserer Thematik den Betroffenen in seinem Sein und seinem Sein-Können - im Sinne von: auch anders werden wollen - wahrzunehmen und nicht irgendwelche Ideologie über ihn zu stülpen.

Literatur

  • Health Promotion and Programs Branch, Health Canada Address Locator Ottawa, Canada: Invisible Boy, Revisioning the Victimization of Male Children and Teens, www.hc-sc.gc.ca/hppb/familyviolence/html/invisible --> in der Zwischenzeit aus dem Internet genommen (Informationsmaterial unter: http://www.hc-sc.gc.ca/hppb/familyviolence/
  • Hopper Jim, Sexual Abuse of Males: Prevalence, Lasting Effects, and Resources, www.jimhopper.com/male-ab/
  • Julius Henri / Böhme Ulfert: Sexuelle Gewalt an Jungen. Eine kritische Analyse des Forschungsgegenstandes, Verlag für angewandte Psychologie, Göttingen, 1997.
  • Lenz Hans-Joachim (Hg.): Männliche Opfererfahrungen, Juventa, 2000
  • The National Organization on Male Sexual Victimization, USA, www.malesurvivor.org

 

© B. Sommergruber