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Bernhard Sommergruber - Psychotherapeut - 1010 Wien - Seitenstettengasse 5
Vortrag gehalten bei der Tagung
(Sexuelle) Kindesmißhandlung -
"Die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Spannungsfeld der unterschiedlichen Systeme"
6. Oktober 1998
VERANSTALTERINNEN:
"Plattform gegen die Gewalt in der Familie"
(Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie)
die möwe
Bezirksvorstehung Penzing
Ich will Ihnen zwei Gedichte von Frau Rosenhag bringen, die in Deutschland in Therapie bei Peter Petersen war. Die Gedichte samt Therapiebeschreibung sind unter dem Titel „Dieser kleine Funken Hoffnung" im Urachhaus-Verlag erschienen.
Unser kleines Geheimnis
Warum - die Frage aller Fragen
Erwachsne Fragen an ein Unerwachsnes:
Warum hast du dich nicht gewehrt?
Weil ich Liebe brauchte.
Warum hast du kein Rückgrat bewiesen?
Weil ich einen Vater suchte.
Warum hast du nicht mit der Bodenvase zugeschlagen?
Weil ich die Hoffnung nicht aufgeben wollte.
Warum hast du es niemand gesagt?
Weil ich die Worte dafür nicht kannte.
Warum hast du deinen Körper aufgegeben?
Weil ich Angst hatte.
Warum hast du es so lange ertragen?
Weil von Anfang an alles verloren war.
Warum hat man dir nichts angesehen?
Weil ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten mußte.
Warum bist du nicht geflohen?
Weil ich Liebe brauchte.
Warum hast du gelächelt?
Weil ich einen Vater suchte.
Warum hast du abends dein Zimmer verlassen?
Weil ich die Hoffnung nicht aufgeben wollte.
Warum hast du ihm nicht Angst und Abscheu ins Gesicht geschleudert?
Weil ich die Worte dafür nicht kannte.
Warum hast du nicht seine gewalttätigen Hände verbrüht?
Weil ich Angst hatte.
Warum hast du nicht deine Mutter ins Vertrauen gezogen?
Weil von Anfang an alles verloren war.
Warum warst du Musterschülerin und perfekter Hausfrauenersatz?
Weil ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten mußte.
Weil ich Liebe brauchte, weil ich einen Vater suchte, weil ich die Hoffnung nicht aufgeben wollte, weil ich die Worte dafür nicht kannte, weil ich Angst hatte, weil von Anfang an alles verloren war, weil ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten mußte, weil ich Liebe brauchte, weil ich einen Vater suchte, weil ich die Hoffnung nicht aufgeben wollte, weil ich die Worte dafür nicht kannte, weil ich Angst hatte, weil von Anfang an alles verloren war, weil ich mich jeden Morgen im Spiegel betrachten mußte....
Weil ich mißbraucht wurde.
Die Inquisition hat keine Fragen mehr.
Genug gelitten - ein Mai-Gedicht
Genug gelitten an der Vergangenheit,
es ist jetzt Aufbegehrens-Zeit.
Das Leid zu tragen fraß all meine Stärke,
nun steh ich am Ende des Tunnels und merke,
daß Schwere und Trauer von mir weichen,
daß meine Arme nicht nur zur Verteidigung reichen.
Ich schleudre den Fluch der Schuld zur Hölle,
trinke begierig aus glasklarer Quelle.
Befleckt mag die Vergangenheit sein,
doch heute fühl ich mich weit und rein.
Falsche Harmonie will ich nicht mehr zwingen,
statt dessen sehen, was Licht UND Schatten bringen.
In mir perlt jetzt die Lust zum Gefecht,
genug gelitten - denn auch im Sieg bin ich echt!
1. Zu Beginn möchte ich Ihnen- wie in meinen Vortrag - sagen: Es ist wichtig, daß wir zusammenarbeiten, egal welche Berufsbezeichnung wir haben und in welchem Berufs-System wir agieren. Wir sind MENSCHEN, sollen also versuchen MENSCHLICH zu handeln und nicht bloß beachten, was unser Berufsstand sagen würde, was die KollegInnen zu unserer Handlungsweise sagen könnten. Kurzum: Engagiertes UND überlegtes Handeln ist zum Wohle des Kindes gefragt! Wir, LehrerInnen, KindergärtnerInnen, LehrerInnen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, KriminalbeamtInnen, PsychotherapeutInnen etc.etc. - wir müssen gemeinsam reden und folglich zusammenarbeiten, wollen wir z.B. bei Verdacht einer Mißhandlung EVENTUELL erfolgreich sein.
2. Und in diesem Sinne möchte ich mich bei allen bedanken, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe, egal aus welchen Institutionen. In den meisten Fällen hatte ich mit engagierten und wissenden Menschen zu tun, mit denen die Zusammenarbeit - trotz aller Schwermut bei diesem Thema - auch Freude machte. Ein herzliches Dankeschön!
3. Vergessen Sie nicht: WIR können oft nur sehen, daß es einem Kind nicht gut geht; daß ETWAS in seiner Entwicklung nicht stimmt, aber selten können wir - noch dazu von Beginn an sagen: Dieses Kind wird SEXUELL mißhandelt. Verlernen Sie in eingeschränkten und damit - besonders für das Kind - einschränkenden Kategorien zu denken. Dies macht Druck auf Sie - und schließlich geben Sie diesen Druck an das Kind weiter, das unter sehr großem Druck leidet. Und unter Druck werden Sie nicht gut mit dem Kind reden können - und das Kind wird weiter schweigen müssen.
Die meisten Wünsche von Personen, die beruflich mit Kindern zu tun haben, wie z.B. „Machen Sie sofort etwas, ich glaube das Kind ist sexuell mißbraucht" sind verständliche Wünsche, denn wir möchten doch alle - wenn es irgendwie ginge - einen paradiesischen Zustand für das betroffene Kind - aber natürlich auch für uns selbst! Und diese oft nicht klar definierte Beziehung zwischen dem Kind und unserer eigenen Person KANN gut sein, KANN jedoch auch verhängnisvoll sein. Diese unklare Beziehung zwischen dem Kind und uns ist deswegen oft unklar, weil wir SELBST in einem Zwiespalt sind.
Ich versuche nun diesen Zwiespalt zu beschreiben:
1. Hier ist das Kind, bei dem uns auffällt, daß uns etwas auffällt - ohne genau zu wissen, was!
2. Beim mehr oder weniger genauen Hinschauen fällt uns z.B. auf, daß das Kind zurückgezogen ist, sich schwer zur Mitarbeit motivieren läßt - oder andere Auffälligkeiten. Ebenso fällt uns auf, daß wir selbst kein „gutes Gefühl" haben, wenn die Mutter oder der Vater das Kind von der Schule abholen, das Kind hat Ihnen nicht auf die Frage geantwortet, ob es den Papa möge. Merken Sie sich: Genieren Sie sich nicht für solche „nicht klaren" Gefühle, wie oben beschrieben: „Kein gutes Gefühl" beim Abholen. Denn das Kind und wir Erwachsenen sind Menschen. Und Menschen KÖNNEN sehr viel mit ihrem Gefühls-Leben wahrnehmen. Beispiel: Sie haben ein „bestimmtes" Gefühl, wenn Sie einem Freund begegnen. Nicht immer wissen Sie am Beginn, was dieses Gefühl zu bedeuten hat. Sie müssen sich selbst Zeit geben, um herauszufinden: Ist es Zuneigung? Ist es Liebe? Ist auch Angst dabei sich einzulassen? Diese „unklaren Gefühle", die Ihnen Unbehagen bereiten, sind auch nicht so unklar! Es sind Ihre menschlichen und fachlichen Beobachtungen. Es ist Ihre KOMPETENZ! Sie sind z.B. dazu ausgebildet Kinder auch zu beobachten, Unregelmäßigkeiten in der Entwicklung festzustellen. Diese Kompetenz ist keine Banalität, sondern von größter Bedeutung für das Kind und folglich in der interdisziplinären Zusammenarbeit.
3. Da Sie ein engagierter Mensch sind und einiges an Wissen angehäuft haben, denken Sie an die Möglichkeit, daß das Kind - in welcher Form auch immer - mißhandelt wird.
4. Nun tragen Sie Wut und Wissen in sich. Das ist schwer auszuhalten!! Es gärt in Ihnen. Es muß etwas passieren! Denn das ist ja nicht auszuhalten!
Nun haben Sie zwei Möglichkeiten:
a) Sie sprechen - mit Ihrer Wut UND Ihrem Wissen mit den Eltern. Ich verspreche Ihnen, daß die Eltern alle Vorwürfe Ihrerseits negieren werden. Die Folge: Eigentlich keine. In Ihnen besteht weiterhin die Wut UND das Wissen, die Ohnmacht ist sicher in Ihnen gewachsen. Oder Sie haben die Möglichkeit:
b) Sie gehen in eine einschlägige Beratungsstelle oder zum Jugendamt. „Denn jetzt muß ENDLICH was passieren. Dem Kind - Ich mache Sie aufmerksam: Wir haben schon lange nicht mehr vom Kind gesprochen!! -- muß doch ENDLICH geholfen werden. Sie machen sich sogar die Mühe z.B. mit einer Beratungsstelle einen Termin zu vereinbaren, gehen schließlich hin, ENDLICH, denn es hat auch gedauert, bis Sie einen Termin bekommen haben.
Nun sind Sie ENDLICH da. Sie, mit Ihrem Wissen, Ihrer Wut, Ihrer Ohnmacht UND: Ihrer verständlichen Forderung: Es muß etwas passieren. Da Sie nun in einer kompetenten Stelle gelandet sind, haben Sie - noch immer - den verständlichen Wunsch: Es muß etwas passieren. Da das alles - auch für Sie - schwer aushaltbar ist, formulieren Sie Ihren Wunsch in eine Forderung - an eine Dritte Person um: „Es muß etwas passieren. Machen Sie etwas." Und sie denken sich: „Machen Sie rasch etwas!"
ENDLICH können Sie alles, was sich in Ihnen abspielt - und: was so verwirrend ist, abladen. Dann erklärt Ihnen diese Person in dieser Beratungsstelle, daß es gut war, daß Sie so engagiert sind - das tut Ihnen wohl -, daß Sie z.B. alle Ihre Beobachtungen notieren sollen und dies weiterhin so halten sollen. Nun steigt in Ihnen die Frage auf, ob diese Person noch normal ist.
Die Forderung dieser Person ist zwar - irgendwie - verständlich -, aber - und das wiegt doch schwer: Es soll etwas geschehen! Und zwar bald! Nehmen wir nun an, Sie können 1-2-3mal mit dieser Person sprechen und Sie konnten ein wenig Ihre Wut und Ohnmacht loswerden, in dem Sie darüber sprechen konnten und es ist Ihnen klar geworden, daß Sie mit Ihrer verständlichen Wut im Bauch so nicht mit den Eltern reden können. Und Sie haben in der Zwischenzeit auch Ihre Beobachtungen notiert, und Sie werden dies auch in Zukunft so halten. Nun besprechen Sie Ihrer Beobachtungen mit dieser Person. Sie stellen z.B. fest, daß es „Auffälligkeiten" beim Kind gibt, diese jedoch keine eindeutigen Zeichen für eine schwerere Mißhandlung seien. - Ein Beispiel: Das Kind könnte sich ja auch zurückziehen, weil es traurig ist, weil ihre Oma gestorben ist.
Einfacher - und für einen kurzen Moment befreiender, sind natürlich folgende Beispiele aus der Praxis, die ich von überzeugten und netten Personen, die mit Kindern arbeiten, erklärt bekommen habe:
-Ich rede mit Vater, daß er so etwas nicht machen darf, dann macht er das auch nicht mehr.
-Wir machen Friedensseminare .
-Ich mache ein Gespräch mit der Mutter, dann wird sie besser auf das Kind aufpassen ETC.ETC.
Ich halte fest: Es fällt Ihnen beim Kind auf, daß es nicht glücklich ist. In Ihnen keimt der Wunsch zu helfen.
Bald stoßen sie auf Grenzen.
1. Ihre Grenze: Sie alleine können nicht helfen.
2. Die Grenze der anderen HelferInnen.
3. Und: Gibt es da nicht auch noch - und dies vor allem!: Die Grenzen des Kindes?
Wir haben bisher von UNSEREN Wünschen, UNSEREN Bedürfnissen, UNSEREN Grenzen gesprochen. Im Zentrum unseres Handelns sollten wir uns jedoch immer wieder ins Blicklicht rücken: Das Kind. Was zeigt das Kind? Was will das Kind? Was könnte das Kind wollen? Wie würden wir uns an seiner Stelle fühlen? Was würden wir uns an ihrer bzw. seiner Stelle von anderen Erwachsenen wünschen? Können Sie sich erinnern, da Sie als Kind einmal, 22mal, 301mal verunsichert waren? Wenn die Verunsicherung sehr groß war, haben Sie sich wahrscheinlich nicht gewünscht, daß jemand mit Pauken und Granaten - ohne mit Ihnen zu reden !! -, „hilft". Die Verunsicherung wäre eine noch größere geworden.
Stellen Sie sich vor, das Kind, dem Sie helfen wollen, wird von einer Bezugsperson nicht gut behandelt. Sie fahren mit Pauken und Granaten in dieses System hinein. Sie schreien: „So geht das nicht! So darf das nicht sein!" Bisher war es in diesem System sehr ruhig. Jede und jeder in diesem System ist ziemlich eng aneinander geschweißt. Das Kind an die Eltern, weil es das Kind ist und die Abhängigkeit von Natur aus groß. Z.B. die Mutter an den Ehemann, weil sie Angst vor ihm hat oder auch finanziell von ihm abhängig ist und weil sie nie gelernt hat auf eigenen Füßen zu stehen. Nun kommen Sie - in bester Absicht: Und schreien:"So nicht!"
Der Vater wird Ihnen sagen:"Nein, so ist es eh nicht." Die Mutter wird Ihnen zu verstehen geben: „Geben Sie eine Ruhe! So ist das nicht. Außerdem will ich kein Aufsehen. Ich bin abhängig von ihm." Das Kind wird vielleicht einerseits fühlen, daß da jemand ist, der sich um ihn oder sie kümmert, aber wahrscheinlich wird die Angst eine noch größere sein. Die Angst, die Eltern zu verlieren. Die Angst, noch mehr Schlechtes von Zuhause zu bekommen. Die Angst, von zuhause wegzumüssen.
Halten Sie sich - AUCH - letzteres vor Augen. Ich habe von heute erwachsenen Frauen zu hören bekommen: Um Gottes Willen. Was da heute alles geredet, angedroht und gemacht wird. Mir hat man den Papa Gott sei Dank damals nicht weggenommen. Es war ja nicht nur schlimm mit ihm. Diese Ausführung ist keine Bewertung von mir, wo man sagen könnte, ich würde als Mann die Männer verteidigen, die ja zum überwiegenden Teil die Urheber der Gewalt sind. Nein, diese Aussagen machten Frauen, denen Gewalt widerfahren ist, die AUCH gelitten haben. Sie hatten nicht nur Angst vor der ungewissen Zukunft, vor den möglichen Anklagen des Vaters, aber auch der Mutter oder anderer Personen.
Ein Beispiel: Als ich eine Person wegen sexuellen Mißbrauchs bei einer Vorgesetzten mit dem Einverständnis der leidenden Person meldete, bekam ich von Vorgesetzten die Aussage zu hören: „War das notwendig, daß Sie das gemeldet haben?" Ich bin heute noch erschüttert über solche Aussagen, verstehe jedoch vom System besser als früher: Dieser Mensch ist ein Teil eines starren Systems. Er wird vom System ausgenützt. Und er nützt das System aus. Viele Schwachstellen werden zugedeckt; dürfen nicht nach außen dringen. „Wir sind wir." So müssen die Leute im System zusammenhalten, im positiven wie eben im negativen Sinne.
So fühlt sich auch das Kind. Es mag die Schläge oder die sexuellen Spiele nicht. Es leidet darunter. Aber oft leidet es nicht nur. Es mag z.B. auch den Onkel, der so wunderschöne Ausflüge mit ihr bzw. ihm macht. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie dem Kind - „mit bester Absicht" - noch mehr Schmerzen, noch mehr Leid zufügen, ist sehr groß.
Hier kann ich Ihnen nur empfehlen: Unternehmen Sie nichts überstürzt. Beraten Sie sich mit einer Kollegin, reden Sie mit einem Mitarbeiter bzw. einer Mitarbeiterin einer Beratungsstelle oder eines Jugendamtes. Vielleicht müssen Sie auch mit zwei oder fünf HelferInnen sprechen, bis Sie bei einer oder einem Vertrauen haben. Aber Sie alleine können nicht ein ganzen System, das viele, viele Jahre gewachsen ist, umwälzen. Dies geht nicht! Beobachtungen und erwünschte Veränderungen müssen von mehreren Menschen besprochen werden.
Dazu dienen u.a. Fallkonferenzen. In solchen Konferenzen sollen die Fachleute gemeinsam - in Ruhe - besprechen, was die einzelnen wissen, was die einzelnen sich - weshalb - wünschen - etc. Zu diesen Konferenzen wird später meine Kollegin Fink vom KiSZ Graz in Ihrem Vortrag noch Stellung nehmen.
Vorher habe ich Ihnen gesagt, daß Sie vielleicht mit zwei oder fünf HelferInnen sprechen müssen bis Sie zu einer bzw. einem Vertrauen haben. Das kann auch bei Ihnen Vertrauenskrisen in das HelferInnen-System auslösen. Auch nicht alle HelferInnen sind sozusagen „kompatibel". Stellen Sie sich vor, wie viel das Kind erst erleiden muß bis es sich etwas zu zeigen oder sagen getraut und wie oft dieses Anklopfen bei anderen Menschen - sei es eben durch „leise Zeichen" oder durch Worte - das nur mit Vertrauen in die Menschheit (noch) möglich ist - nicht gehört wird. Also ist es nur logisch, daß auch Sie in diesem System, sei es mit dem System der Familie, sei es mit dem System der versuchten HelferInnen Schwierigkeiten haben, daß auch Sie mit Ihrem Engagement leiden müssen.
Ich will Ihnen hier ganz und gar nicht einreden, daß Sie, egal welcher Berufssparte Sie angehören, gar nichts tun können. Ich möchte nur versuchen Ihre Vorstellungen von Hilfe auf ein sinn-volles Maß zu beschränken. Denn in unserem WOLLEN vergessen wir oft das KÖNNEN - und somit das Kind. Was möchte das Kind in dieser Welt, in das es hineingeboren wurde? Was möchte das Kind in diesem Familiensystem, in das es hineingeboren wurde? Was will das Kind in dieser schwierigen Lebenslage zwischen Nicht-Gut-Tun und Gut-Tun? Was will das Kind wenn es sich Ihnen leise oder laut anvertraut? Was will das Kind? Und nicht: Was wollen Sie! Wir HelferInnen wollen oft Heile-Welt-Spiele betreiben, wollen das Kind „retten", den Körper und den Geist des Kindes. Aber in unserem, wenn auch nachvollziehbaren, Übereifer haben plötzlich nur mehr das Retten in unserem Kopf. Und das Retten bedeutet UNSERE Rettung. Wir wollen häufig eine Welt herstellen, die schön ist, die gut tut, die möglichst optimal ist. Diesen Traum träume ich sehr gerne mit Ihnen! Jedoch wenn es um ein Kind geht, will ich, daß wir, Sie und ich, daß wir gemeinsam, so gut wir können, uns überlegen: Was ist in dieser Situation gut für das Kind? Was ist realistisch? Was könnte passieren, wenn wir diese oder jene Intervention betreiben? Wie werden die Eltern reagieren? Wie wird es dem Kind dabei gehen?
SPÜREN Sie: Dies sind wichtige Fragen. EINE Person ist überfordert alle diese Fragen kompetent zu beantworten! Und dies ist kein Armutszeugnis für Sie als Kindergärtnerin, für Sie als Lehrerin, für Sie als SozialarbeiterIn, für Sie als Psychotherapeutin usw. Denn es ist oft keine Lösung, das Kind - in welcher Form auch immer - aus der Familie herauszureißen, in unserem Bestreben die Welt heil zu machen. Die Welt ist nicht heil. Die Familie ist nicht heil. Das Kind ist nicht heil. Und: Wir machen nicht unter allen Umständen das Kind heil, wenn wir - noch dazu ohne konkrete Überlegungen anstreben, z.B. den Vater aus der Familie entfernen würden oder das Kind selbst aus der gewohnten Umgebung, von den gehaßten UND geliebten Eltern entfernen würden.
Stellen Sie sich vor: Selbst wenn wir wissen, daß das Kind z.B. sexuell mißhandelt wird (und wir WISSEN es nur seltener als wir es NICHT-Wissen), KANN es doch sein, daß das Kind TROTZDEM den Papa, die Mama oder den Onkel AUCH liebt. Neben Haß, Ekel, Angst kann auch ein Hauch von Zuneigung bestehen. Im Gesamten können wir dies auch „Ambivalenz" nennen. Und es nützt uns UND vor allem dem betroffenen Kind nicht, wenn wir nun die Deutung anbringen, daß in dieser Ambivalenz nur das Negative, also: der Haß, der Ekel und die Angst ihre Berechtigung hätten. Und wir interpretierten weiter, daß die Zuneigung nur der erträumte Wunsch nach Zuneigung wäre, aber eben keine echte Zuneigung. Dieses Gefühl der Zuneigung würde das Kind sich nur ersinnen, weil es eben - wie wir alle ! - den Wunsch nach Zuneigung haben. Da das Kind aber ohne dieses Gefühl der Zuneigung noch schlechter überleben UND leben könnte, erträumt es sich eben diesen Zustand herbei. Die Ambivalenz im Innenleben des Täters findet die Fortsetzung in der Gestaltung seiner Welt. Und zu dieser Welt gehört sehr zentral das Kind. Also herrscht auch hier Ambivalenz. Böses und Gutes erlebt das Kind. Es bekommt Schläge und mehr oder weniger Streicheleinheiten.
So erhält das Kind die Ambivalenz des Täters umgehängt. Nun sind beide ambivalent. Und wir sehen es bei Erwachsenen, die als Kind, in welcher Form auch immer, mißhandelt worden sind, daß Ambivalenz eine große Rolle spielt. Die Ambivalenz in der Sexualität bis zur sozusagen generellen ambivalenten Einstellung zum Gut-Tuenden und zum Schlecht-Tuenden. Beides ist da, das Gute und das Böse. Aber das Vertrauen in die eigene Person, das Gute und das Böse meistens richtig einordnen zu können, ist mehr oder weniger verschüttet. Achtung, in den meisten Fällen: NICHT zerbrochen. NICHT zunichte gemacht! Sondern: verschüttet!
Ich will nun noch in dem meisten Fällen gültige Schritte zum Helfen zusammenfassen: 1. Wahrnehmung: Ich nehme wahr, daß es dem Kind „nicht gut" geht.
2. Spekulation: Ich überlege mir, ob ich mir daraus einen Reim machen kann; ob ich verstehe, weshalb es dem Kind nicht gut geht.
3. Sollte ich den Verdacht hegen (oder sogar wissen), daß dem Kind in welcher Form auch immer Mißhandlung angetan wird, sollten Sie sich mit Ihnen vertrauten Personen (KollegInnen, FreundInnen) zusammen-reden.
4. Notieren Sie sich alle Auffälligkeiten, Beobachtungen, die Sie bisher gemacht haben (auch mit ungefähren Zeitangaben bzgl. Veränderungen). Und machen Sie diese Aufzeichnungen auch weiterhin!
5. Vereinbaren Sie mit einer einschlägigen Beratungsstelle oder dem Jugendamt einen Termin, in dem Sie gemeinsam die Sachlage erörtern. Sollten Sie mit einem einschlägigen Anliegen an eine SozialarbeiterIn speziell in einem Jugendamt kommen, so lautet meine Bitte: Bleiben Sie vorerst anonym, nennen Sie insbesondere NICHT den Namen des Kindes bzw. der Familie. Denn es SOLL vereinzelt noch SozialarbeiterInnen in Jugendämtern geben, die automatisch eine Anzeige machen, was in vielen Fällen kontraproduktiv ist.
6. Sollte sich der Verdacht erhärten, daß das Kind mißhandelt wird, so überlegen Sie sich primär, was Sie selbst tun können: Beobachten, WENN ES WIRKLICH FÜR SIE PERSÖNLICH PASST, könnten Sie dem Kind sagen, daß es jederzeit zu Ihnen kommen könne wenn es Probleme hätte.
7. In einer gemeinsamen Konferenz soll das Jugendamt bzw. die Beratungsstelle alle betroffenen HelferInnen einladen, um festzustellen, ob die Beobachtungen der einzelnen HelferInnen in eine ähnliche Verdachtsrichtung gehen. Außerdem soll in dieser Konferenz ganz exakt festgehalten werden, welche Aufgabe jede einzelne HelferIn wahrnimmt. Eine KLARE Kompetenz-Teilung (Wer ist wofür verantwortlich?) ist von allergrößter Bedeutung, denn widrigenfalls ist die Frustration bei allen HelferInnen vorprogrammiert.
8. Es sollte eine gemeinsame Entscheidung gefunden werden, wie dem Kind am ehesten und am besten geholfen werden kann. Alle Beteiligten sollen an einem Strang ziehen.
Ich gebe Ihnen ein Bild dazu, das an ein Gespräch mit Frau Staffa angelehnt ist: Stellen Sie sich vor: Alle HelferInnen blasen wüst nach eigenem Gutdünken in ein Mobile. Stellen Sie sich dieses Durcheinander vor, das dann darin ausarten würde, daß das Mobile ganz ordentlich durcheinander wirbeln würde. ODER: Stellen Sie sich vor: Wir besprechen, wer/wie/wann seinen Atem einzusetzen hat, jede und jeder von uns handelt dann danach - und Sie werden sehen, um wieviel ruhiger das Mobile sich bewegen wird. Diese Wahrheit gilt für uns alle, egal welcher Berufsgruppe und welchem System wir angehören.
Ich hoffe, Sie haben Sich nun wieder in Erinnerung rufen bzw. verstehen können, weshalb es so wichtig ist, beim Helfen-Wollen genau hinzuschauen: Was will ich? Was will das Kind bzw. ist das realistisch Bestmögliche für das Kind.